Ahrtalimpressionen:
Zwei Tage war ich jetzt vor Ort und es hat meine Vorstellungen, die ich von dieser Katastrophe hatte bei weitem übertroffen. Es ist ein Desaster unfassbaren Ausmaßes. Die Bilder, die ich aus den Medien kenne, spiegeln nur einen Bruchteil der grausamen Realität wieder. Wenn man die Bahntrasse sieht, die abgebrochen in die Ahr ragt, das Loch, das bei Ahrbrück klafft…..unvorstellbar, das Wasser so eine Kraft haben kann. Ganze Straßen weg, einfach weg. Ich fahre am Samstag mit 2 Freunden zum Treffpunkt. Ich bin fasziniert von der Organisation vor Ort. Es ist an alles gedacht und es gibt nichts, das ich vermisse. Alles steht zur Verfügung und kann benutzt werden, angefangen vom Erste Hilfe Set bis zu den Sicherheitsgummistiefeln. Die Verpflegung vor Ort ist grossartig. Es gibt sogar Gruppen die dort zelten. Rundherum nette und freundliche Menschen, eine grosse Community helfender Hände. Wir werden eingeteilt und mit einem Bus nach Ahrweiler gebracht. Dort wartet ein älterer Herr, dessen Haus bis zum 1 OG unter Wasser stand. Es gibt 2 Container, die mit Schutt zu befüllen sind. Wir sind eine 15 Personen starke Truppe. Es sind Stuttgarter, Kölner und Menschen aus dem Ruhrgebiet dabei. Wir bilden eine Eimerkette. Es war eine anstrengende Arbeit, aber es war toll zu sehen wie sich die Container füllten. Der ältere Herr erzählte uns von der Flutnacht, von seinen Ängsten, die ihn seit dem begleiten. Besonders hat mich berührt, dass er sagte, ohne die privaten Helfer hätte er es nicht geschafft. Und es gibt ihm eine Perspektive und die Kraft weiterzumachen. Während er das sagte brach ihm zuweilen die Stimme weg. Er erzählte, abends wenn er dann wieder mit seiner Frau alleine ist und die Nacht kommt, dann kommen auch die Gedanken, an das was war und das was wird. Mittlerweile hat er eine Strassenlaterne, die vor seiner Tür leuchtet, das macht ihn froh. Die Häuser um ihn herum sind unbewohnt, eine Geisterstraße, gruselig diese Vorstellung. Zum Abschied erhalten wir Flutwein, er möchte etwas zurück geben…..er ist so dankbar.

Der 2te Tag startet wie der Vortag und wir werden in einen Ortsteil von Bad Neuenahr geschickt, in eine Neubausiedlung. Das Haus ist noch nicht bezogen, der Erstbezug wäre im September gewesen. Es ist fatal, der Schlamm steht 20 cm tief unter der Dämmung. Der Besitzer erzählte, das im Badezimmer der Estrich senkrecht stand. Das Wasser kam von unten. Es ist sehr anstrengend und emotional belastend bei der Vorstellung, dass hier quasi alles auf 0 gespült wurde. Es ist wieder ein Rohbau, aber er freut sich, er muss es nicht abreißen. Die Versicherung macht leider Probleme. Er zeigt mir das Haus gegenüber, das muss weg, wie viele andere auch. Im Garten sehe ich eine Schaukel, manche Sachen sind stehen geblieben. Andere sind komplett weg. Eine Ecke weiter steht nur noch der Terrassenboden, das Haus, das dort stand ist samt Bodenplatte weggespült worden, mit der Familie, sie war im Haus. Die Mutter und die Tochter sind leider tot. Überlebt hat nur der Vater. Es ist nicht in Worte zu fassen, was diese Menschen erlebt haben. Ich höre viele berührende Geschichten. Um 17 Uhr fährt uns der Besitzer dankbar zum Treffpunkt. Dort lassen wir den Tag bei einem Bierchen ausklingen. Die Verpflegung ist großartig. Auf das Bierchen folgt ein Kaffee und ein Schokoladenkuchen. Wir sitzen zusammen, zufrieden, nachdenklich und reden. Ich höre Geschichten, die mich nicht kalt lassen. Viele sind traumatisiert, haben Angst haben zu duschen, Menschen, die beim Hören des Regens Panikattacken bekommen. Viele ertragen die Dunkelheit nur schwer. Trotz allem ich bin froh dass ich hier bin, obwohl ich nicht wusste ob ich den Anblick ertrage. Bin ich doch vor Jahren täglich durch dieses liebliche Tal gefahren. Ich sitze nun hier verfasse diesen Text, bin demütig, traurig und auch froh. Ich habe tolle Leute kennengelernt, viele ganz junge Leute, so alt wie meine Kinder, die Jugend ist hier ganz stark. Das macht mich zuversichtlich und ich bin stolz, stolz, dass wir so viele tolle Menschen in diesem Land haben. Es ist eine große Solidarität. Ich bin froh einen Teil dazu beitragen zu können. Ich werde wieder kommen.

weitere Infos:
Helfer Shuttle in das Tal
Facebook Bericht von Beate Wimmer über die privaten freiwilligen Helfer